Wie der Mediendienst Kress heute berichtete, wurde das Online-Portal der FHM (fhm-online.de) komplett vom Netz genommen und stattdessen wird nur noch eine Facebook-Fanpage angeboten. Was bei den zahlreichen Social Media Consultants (alternativ auch Gurus, Experten usw.) für Begeisterungsstürme sorgt, hat bei mir nur Kopfschütteln ausgelöst. Diese Entscheidung wurde von Egmont, dem Verlag hinter FHM, wie folgt begründet:
“Wir sind da, wo unsere Leser sind, auf Facebook: Die Interaktion mit unseren Lesern ist für uns das Wichtigste.” Weiterhin heißt es bei Kess: „Für das Geschäftsmodell einer Website sehe der Verlag langfristig keine Perspektive”.
Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Da wurde ein Webportal fast zehn Jahre lang gepflegt und aufgebaut, um es dann einfach so abzuschalten und sich in die totale Abhängigkeit eines Social Networks zu begeben. Aber vielleicht gibt es ja wirklich gute Gründe für diese Entscheidung, hier nun der Versuch einer Abwägung:
PRO: Serverkosten – der Betrieb der Webseite wird keine technischen Kosten mehr verursachen. Dies kann wiederum dazu genutzt werden, den Verlust durch die Webseite zu minimieren, falls diese – wie angenommen – Defizite erwirtschaftete.
PRO: Nutzerorientierung – Dies führt Egmont selbst an und preist es als “den großen” Vorteil. So seien wohl die meisten User der Zielgruppe eh auf Facebook aktiv. Allerdings könnte man hier argumentieren, dass man Facebook auch einfach stärker hätte integrieren können, wobei dies selbstverständlich auch umstritten ist.
PRO: Personalkosten – FHM spart jede Menge Personal, da auf der Facebook-Fanpage kaum noch redaktionelle Inhalte platziert werden. Nun wird wohl ein Praktikantengehalt reichen, um den Betrieb zu sichern.
Contra: Verfügungsgewalt – Man übergibt ohne Not die Inhalte neben der gesetzlichen einer weiteren Instanz und begibt sich so in völlige Abhängigkeit. Facebook könnte vom einen auf den anderen Tag Geld für seine Dienste verlangen, die AGB ändern oder das Angebot schließen. Zusätzlich ist man zur Erfolgskontrolle auf die Messungen und Daten von Facebook angewiesen und kann keine eigenen Trackings und Tests mehr durchführen.
Alles in allem kann man doch noch zu der Überzeugung gelangen, dass es eine gute Entscheidung sein könnte. Michael hat das wie folgt formuliert: „Die eigene Präsenz im Netz komplett auf Facebook auszulagern, kann durchaus Sinn machen, wenn sowieso nur Offline-Produkte angeteasert werden und kein wirklicher Mehrwert für die Besucher durch die Präsenz angestrebt wird.“ Diese Ansicht kann ich gut verstehen, wenn man Situationen als gegeben betrachtet. Allerdings sollte man sich auch ansehen, welche Chancen man verpasst hat:
FHM ist ein Magazin, das sich an Männer richtet und ganz klar dem Genre Erotik zuzurechnen ist. In kaum einer anderen Sparte des Webs wird ähnlich viel Geld verdient, wieso konnte das FHM nicht? Diese Frage kann ich leider nicht 100%ig beantworten, da ich das Webangebot nicht kenne und kannte und mich nur den Daten diverser Tools orientieren kann. Dabei ist folgendes auffällig:
- Die Besucherzahlen betrugen im Schnitt etwa 8000 User pro Tag (Quelle: Google Trends)
- Die Sichtbarkeit der Seite im Google Index war verhältnismäßig klein (Quelle: Sistrix, siehe Grafik)
- Die Webseite war verhältnismäßig wenig verlinkt (Quelle: Sistrix)
- Man hat mit SEA (Google Adwords) experimentiert, aber keine dauerhaften Kampagnen gefahren (Quelle: Sistrix)
Es wirkt alles so, als sei fhm-online.de schon immer das ungeliebte Online-Kind gewesen, was man haben musste, um im Internet überhaupt vertreten zu sein. Trotzdem wurden ein paar interessante Google-Rankings (girls, sexy girls usw.) erreicht, die durchaus Monetarisierungspotenziale haben. Man hätte also gekonnt, wenn man gewollt hätte. Ich möchte nicht soweit gehen und von einem „Fail“ sprechen, eher von einem Beratungsvakuum. Man kann die Entscheidung für Facebook nachvollziehen, aber die verpassten Chancen müssen beachtet werden! Mit einer strategischen Online-Marketing Beratung, wäre das vielleicht nicht passiert und fhm-online.de die profitable Tochter, eines erfolgreichen Männermagazins.
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Über den Autor: Sebastian Cario







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