Bereits zum zweiten Mal fand gestern und heute (12+13.11.2010) das Barcamp Hamburg in den Räumen von Otto statt. Es war von den Räumlichkeiten, Versorgung (Essen, Strom) und Ablaufpünktlichkeit das beste Barcamp das ich jemals besucht habe. Deshalb schon vorweg ein Riesenlob an die Organisatoren und Sponsoren, vor allem der Firma Otto und herzlichen Dank für die Einladung. Erwähnenswert war auch die WarmUp-Party am Donnerstag im Mandalay, bei der es noch bis spät in die Nacht Freigetränke gab, ein Service, der eher barcampuntypisch ist. Doch auch inhaltlich wusste das Barcamp zu überzeugen, deshalb fasse ich beide Tage einmal kurz aus meiner Perspektive zusammen.
Tag 1 – Von VentureCapital, SEO und Selbstständigkeit
Das Barcamp Hamburg begann für mich in diesem Jahr, mit einer kleinen – aber qualitativ sehr hochwertigen – Frage-Antwort-Runde, bei der Michael Barkes von eVentures einmal das Thema Venturekapital vorstellte. Besonderen Bezug nahm er dabei auf den Fond von eVentures, beantwortete die längste Zeit aber geduldig die Fragen der Anwesenden. StartUps gab er ein paar wertvolle Tipps mit auf den Weg:
• Networking first – erst die Kontakte im Venturebereich sammeln und später auf Kapital ansprechen
• Begeisterung – Zeig uns, dass deine Idee überragend ist und du dafür sterben würdest
• Momentum nicht verspielen – lasse Investoren nie warten (z.B. auf Verträge)
• Team is the key – neben der Idee ist vor allem das Team entscheidend. Welche Motivation, Erfahrungen und Hintergrund hat es, nur „Profis“ bekommen Geld.
• Playmode – nutzt die Spielerei mit eurem Produkt (wenn auch nur am Reißbrett) um die Kapitalgeber spielerisch zu überzeugen
• Stay on Point – bei Produktpräsentationen keinesfalls abschweifen
Weiterhin berichtete Michael, dass ein Ventureprozess auch einmal gut 15 Monate dauern kann und es häufiger passiert, dass Gründer mit ihrer Idee zu früh dran sind, weil gewisse Markvoraussetzungen (z.B. flächendeckende Versorgung mit Smartphones) noch nicht erreicht sind. Auf den Erfolg von den Investitionen angesprochen gab er zu Protokoll, dass aus 10 Beteiligungen meist ein „Homerun“ mit einer Kapitalvervielfachung hervorgeht. Weiterhin entstehen vier gute Profite, bei denen das Kapital ungefähr verdoppelt wird und fünf Investitionen, bei denen eine Rückzahlung des eingesetzten Geldes ungewiss ist.
In der zweiten Session stellten Christopher Wendels (Inhouse SEO) und Dr. Andreas Schroeter (GF) die SEO-Maßnahmen vor, die beim Online-Wörterbuch bab.la eingesetzt wurden, um international erfolgreich zu sein. Diskutierte Punkte waren vor allem:
• Domains (TDL, Subdomain vs. Ordner)
• Einsatz einer Localizationengine
• Vorgehen in Sachen Keywords
• Probleme, da Land und Sprachen nicht immer gleich sind
• URLs in lateinischer, logographischer oder arabischer Schrift
• Serverarchitektur und -Infrastruktur
Auch wenn für mich als SEO jetzt nicht so viel Neues dabei war, fand ich es unheimlich spannend, dass bab.la eine internationale Strategie mit einer Landesdomain von Laos (.la) verfolgt. Und dies sogar sehr erfolgreich umsetzt. “Links schlagen Domain” gilt also auch im Wörterbuchmarkt.
Die Dritte Session des Tages stand unter kreativen Vorzeichen. Katharina Koch von Otto wollte mit dem Plenum drei Fragen zum Thema Badges beantworten. Hätte ich gewusst, was damit gemeint war, wäre ich wahrscheinlich nicht in die Session gegangen. Denn hier wurden Badges als virtuelle Belohnung zur Incentivierung der User verstanden. Die Diskussion drehte sich meist im Kreis. Die Abschlussfrage zu einer möglichen Integration von Badges bei Otto.de, wurde mit breiter Ablehnung des Vorschlags durch die Beteiligten beantwortet.
Im Anschluss daran hielt ich meine eigene Session unter dem Titel „SEO FAQ“ bei der Barcamper alle Fragen zu SEO und/oder ihren Seiten loswerden konnten. Die Session war überraschend gut besucht und wir mussten sogar deutlich das Zeitlimit überziehen, um alle Fragen zu beantworten. Live wurde ich zu den Seiten Modell-Aviator.de, bab.la und t3n.de befragt. Dabei stellte sich vor allem Modell-Aviator als eine riesige Baustelle heraus. Bei bab.la war vieles schon sehr gut gemacht, so dass ich ad hoc nur an kleinen Stellen Verbesserungen vorschlagen konnte. Die Seite von T3n hat auch eine Menge Potenzial, insgesamt ist die Zeit in einer solchen Session für eine gründliche Analyse zu begrenzt. Ich jedenfalls war mit dem Feedback und dem Ablauf der Session sehr zufrieden und hoffe einigen Webmastern/StartUps weitergeholfen zu haben.
Zum Abschluss des ersten Tages wählte ich zwei weitere kleine Sessions. In der Ersten berichtete Vivian Pein über ihr 3monatiges Praktikum in Shanghai und untermalte die Präsentation mit tollen Bildern, Eindrücken, Erlebnissen und Emotionen. Wenn ich jemals für eine längere Zeit nach China gehen sollte, werde ich Vivian sicher konsultieren. Den Abschluss bildete dann eine Diskussion über die Todsünden der Selbstständigkeit mit Alexander Talmon. Dabei war es vor allem für mich als selbstständiger Angestellter (also Arbeitnehmer mit weiteren Projekten) interessant, in den Austausch zu treten und die Motive der Selbstständigkeit zu ergründen. Als dann als endgültiges Ziel „Nichts mehr müssen müssen“ formuliert wurde, hatte sich diese Session endgültig gelohnt.
Tag 2 – Mit Social Media Profilen Geld verdienen, Recht, Gesetzt und Online vs. Offline
Den zweiten Tag ließ ich ruhig angehen und ließ nach einer Bahnodyssee der HVV den ersten Blog zugunsten des Frühstücks ausfallen. Richtig durchgestartet habe ich dann mit einer Session, bei der shareifyoulike.com vorgestellt wurde. Die Plattform bringt User und Unternehmen zusammen und bietet die Vermittlung (Verkauf) von Einträgen (Werbung) in Blogs, Facebook-Profilen und Twitter an. Eigentlich ein sehr interessantes System, um einen gehörigen Buzz zu inszenieren und ein paar Social Media Links abzugreifen. Leider musste ich anmerken, dass das gesamte Geschäftsmodell auf recht wackeligen, rechtlichen Füssen steht. So gibt es in Deutschland eine Kennzeichnungspflicht für redaktionell gestaltete Anzeigen (pdf), die für sämtliche Presseerzeugnisse zutreffend ist. Da auch Blogs (Microblogs, Twitter) als Presseerzeugnis aufgefasst werden können, liegt möglicherweise ein Verstoß gegen das Wettbewerbsgesetzt vor, wenn Nachrichten und Videos nicht als Anzeige gekennzeichnet werden.
Überhaupt war das Recht im Internet ein großes Thema. So gab es in der nächsten Session die Möglichkeit, eine Reihe von rechtlichen Fragen mit RA Nina Diercks vom Social-Media-Recht-Blog zu diskutieren. Da Nina die Präsentation nicht online verfügbar macht, hier kurz meine wichtigsten Punkte aus dem Gedächtnisprotokoll:
• Impressumspflicht unbedingt einhalten
• Impressumspflicht gilt auch für Twitter und Facebook-Fanpages (2-Klick-Regel)
• Datenschutzbestimmungen nicht vergessen, bei Einsatz von Facebook-Like-Button und/oder Google Analytics mit entsprechenden Zusätzen versehen
• Auf Rechteabtretung und Verwertung achten, vor allem bei Photos/Bildern
• Es gibt derzeit kaum Rechtssicherheit (für Webseitenbetreiber) im Internet
• Aber: „Wo kein Kläger, da kein Richter.“
Direkt im Anschluss ging es weiter mit einer Session zum Jungendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) , über den ich mich bereits im Recap zum ConventionCamp ausgekotzt habe. Jens “Pottblog” und Sven Diettrich gestalteten diese Session sehr ansprechend, lehrreich und unterhaltsam, machten – anders als beim Vortrag in Hannover – zugleich Mut, dass der JMStV in dieser Form noch aufzuhalten ist. Dann muss ich wohl am Montag meinen Abgeordneten aus der Hamburger Bürgerschaft einmal anrufen…
Den Abschluss des Barcamps Hamburg fand ich in der Session Online vs. Offline-Ich mit Carolin Neumann. Eine rege Diskussion entbrannte darüber, wie und ob wir geschäftlich und privat trennen. Auch wenn die Diskussion jederzeit interessant war, drehte sie sich letztendlich im Kreis und endete mit dem Fazit: jeder wie er denkt!
Fazit und Kritik zum Barcamp Hamburg
Insgesamt war das Barcamp Hamburg 2010 ein durchschlagender Erfolg und ist damit einmal mehr seiner Spitzenrolle in Deutschlands Barcampszene gerecht geworden. Kritisch muss ich allerdings anmerken, dass ich mich über ein paar Unternehmen aus dem SEO Bereich geärgert habe, die trotz Barcamp-Policy offensiv Werbung gemacht haben. So ist ein Einzelunternehmer aufgefallen, der ungeniert und massenweise Flyer und Visitenkarten ausgelegt und verteilt hat. Noch negativer ist ein Anbieter eines SEO-Tools aufgetreten, der am Samstaggleich zwei Sessions (SEO-Tools, SEO Konkurrenz-Analyse) nutzte, um auf seine tolle Software aufmerksam zu machen. Beide waren nicht einmal Sponsoren des Barcamps. Bei aller Liebe, so etwas ärgert mich wirklich und hat auf einem Barcamp nichts zu suchen.
Weitere Beiträge zum Barcamp Hamburg (Liste wird aktualisiert):
- Christopher: Google Analytics vs. Piwik Diskussion
- T3N: Eindrücke vom Barcamp
- Bertdesign: Heute lernte ich professionelle Facepalms
- Knuts Blog: BarCamp Hamburg 4
- Beginners Mind: Liveblog zum BarCamp Hamburg
- Rings Kommunikation: Barcamp Hamburg 2010
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Über den Autor: Sebastian Cario+




