Liebe Leser,
in der Regel schreibe ich nach dem Besuch von Konferenzen und Events meine subjektiven Eindrücke nieder und versuche die inhaltlichen und zwischenmenschlichen Highlights noch einmal zu rekapitulieren. Leider muss ich im Fall der re:publica 2011 davon absehen und mich stattdessen mit einem kritischen Kommentar direkt an die Verantwortlichen wenden:
Jetzt mal ehrlich liebe Veranstalter, was sollte der Quatsch eigentlich? Diese re:publica 2011 war nichts, nichts und noch mal nichts.
Infrastruktur: defekt, fragil und ein Sicherheitsrisiko
Beginnen wir bei den Grundfesten eines jeden Events mit Anspruch „Irgendwas mit Internet“ zu sein: Eine geeignete Location und WLAN. Beides hat in diesem Jahr überhaupt gar nicht funktioniert. Klar, dass WLAN hat auch im letzten Jahr schon nicht funktioniert, aber aus Fehlern nicht zu lernen ist schlimmer als sie mehrfach zu machen. Ich weiß, es ist kein triviales Thema und nicht so einfach, eine performante Infrastruktur für fast 3000 Besucher auf die Beine zu stellen. Aber wieso in Gottes Namen werden IP Adressen für 24h vergeben? Auf einer Konferenz, bei der die Teilnehmer immer mal nur kurz online sind? Der DHCP-Server tat mir wirklich leid. Unter gewissen Umständen hätte ich vielleicht auch in diesem Jahr über das Problem hinweg geschaut, aber der Bogen wurde insgesamt überspannt.
Und dann die Kalkscheune. Vielleicht hat Euch das noch niemand gesagt, aber diese ist spätestens seit letztem Jahr deutlich zu klein und viel zu verwinkelt. Durch die vielen Besucher in diesem Jahr kam es duisburgartigen Szenen und sehr vielen Teilnehmern, die nicht die Session ihrer Wahl sehen konnten. Das ist wirklich kein tragbarer Zustand, hier ist ganz dringend Handlungsbedarf. Ich möchte übrigens nicht wissen, wer die Räumlichkeiten für das Event freigegeben hat. In meinen Augen war das auch zunehmend ein Sicherheitsproblem, was nur durch den Zufall, Ordner und halbwegs gesittete Teilnehmer nicht im Ernstfall endete.
Inhalte: Feminismusgeschwurbel und Gesellschaftsdingens
Vor allem inhaltlich habt ihr aus meiner Perspektive komplett versagt. Was sollte eigentlich dieser ganze Feminismusquatsch? Gefühlt hatte jede zweite Session irgendwas damit zu tun. Ich sage nicht, dass wir keinen Feminismus brauchen, oder dass ich das total doof finde. Nein, wir brauchen einen starken Feminismus, aber einen, der nicht nur rumheult, sondern Lösungen schafft. Und auch wenn die Bloggerinnen nur 5% der Top100 Blogs ausmachen, obwohl sie 60% in ihrer Gesamtheit sind, dann ist das kein Problem, welches sich durch weinerlichen Feminismus lösen lässt, sondern nur durch Inhalte und Reichweite. Und bis ich nicht mehr das Gefühl habe, gleich ein Taschentuch auf die Bühne bringen zu müssen, beschränkt eure Diskussionen auf ein zwei wirklich starke Panels – zum Nach- und Weiterdenken – aber lasst die re:publica die re:publica sein, und nicht das FemCamp, oder CyberFamCamp.
Und dann diese digitale Gesellschaft, dieses…
Speaker: Keine Inhalte, kein Glanz
Eure Keynotes waren entweder ein großer Haufen Werbung oder einfach nur langweilige, dröge Präsentationen von uninspirierten Menschen. Leider trat beides häufig, in einer mehr als teuflischen Kombination auf. Auch das Unterhaltungsfernsehen von Lobo und Twitkrit konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Jahr kein Jeff Jarvis, und auch kein Prof. Kruse, nein, nicht einmal einen Holger Schmidt für inhaltliches Format sorgen konnte. Stattdessen jagten sich Werbeshows, Feminismusdebatten und Politikgedrösel im Wettbewerb darüber, wer zuerst den Friedrichstadtpalast zum kollektiven Einschlafen bringt. Und, liebe Speaker, es gilt die selbe Regel wie im Supermarkt: Was draufsteht muss auch drin sein!
Selbstverständlich habe ich nicht alle Sessions sehen können und wohl auch etwas unglücklich ausgewählt, aber mein Eindruck wurde dann doch durchweg von anderen Teilnehmern bestätigt. Und ja, es gab auch sehr gute Sachen. Aber leider viel zu selten! Beispielsweise kamen die Sessions zum Recht meist sehr gut an. Wahrscheinlich lag es daran, dass die Juristen in diesem Jahr die einzigen waren, die etwas handfestes (Gesetze) zu berichten hatten.
Und nun?
Liebe Veranstalter, macht Euch bitte klar, worum es bei der re:publica geht: Menschen. Das Klassentreffen und die heterogenen Themen machten die re:publica einst zu dem, was sie heute sein will. Monothematik (Gesellschaft, Politik, Feminismus) machen das nicht besser. Ich wollte auf eine Bloggerkonferenz fahren und nicht auf eine Selbsthilfetour für notorische Internetdiskutierer. Wo waren die Fakten? Wo waren geile Daten und Studien? Wo waren die Techpanels? Politologisches und soziologisches Blabla mag auch bei einer heterogenen Veranstaltung dazugehören, aber gehört dann doch in seiner Gänze auf ein Politcamp oder einen von diesen Social Media Schnippschnapp Konferenzen.
Zum Glück konnte ich trotzdem ganz viele schlaue, gutaussehende und vor allem supernette Menschen dort treffen. Danke dafür, das habt ihr Euch in den letzten Jahren erarbeitet. Und damit das auch so bleibt, schriebe ich diese Zeilen.
So, nun wisst ihr bescheid! Tut was, dann komme ich auch im nächsten Jahr und singe dann auch wieder mit, bei der Bohemian Rhapsody.
Cheers
elcario
Zum Weiterlesen
Stecki: re:trospektive: re:infall re:publica
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Internetradierer: Re:Publica 2011 – ein re:cap #rp11
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Kreativbüro: re:sümee XI
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Über den Autor: Sebastian Cario+





