Vorbemerkung: Der nachfolgende Beitrag ist etwas außer der Reihe zu betrachten und vielleicht auch eher als Kommentar zur derzeitigen Situation im Online-Geschäft zu sehen.
Sie kamen zwar nicht ganz plötzlich aus ihren Löchern gekrochen, aber schafften es dennoch Teile des Online-Geschäfts für sich zu erobern. Sie nennen sich Experte, Guru, Maven oder Master. Man findet sie in allen Teilbereichen des Online-Business, angefangen von windigen Multilevelnetworkern (Schneeballabzocke), über SEO-Gurus bis hin zu Social-Media-Experten. Egal in welchem Bereich sich Online etwas bewegt, diese Leute sind schon da. Unwichtig, ob als Early Adaptor oder Quereinsteiger. Online kann jeder seine Profession finden und keiner dieser Expertenbegriffe ist in irgendeiner Art geschützt.
Ein steiniger Weg zum Titel
Ein Blick zurück zeigt, wo das eigentliche Problem liegt. Früher wurde der Expertenstatus nur durch eine akademische Ausbildung, Promotion und Habilitation verliehen. Besonders die Doktor- (Teilfachgebiet) und Professorenwürde (Fachgebiet) waren zementierte Bestandteile des öffentlichen Lebens und vermittelten Fremden sofort einen Eindruck der Befähigung eines Menschen. Nicht umsonst wurden die Titel essenzielle Bestandteile des Namens und die Anrede „Herr Doktor/Professor“ gehörte zum allgemeinen Umgang. Schon damals waren diese Titel keine Geschenke und meist auch nur gutbürgerlichen Schichten (der Adel hat schon immer eigene Titel) vorbehalten. Auch wenn sich im sozialen Gefüge seitdem einiges getan hat, ist es heute noch immer nicht die leichteste Übung und bedarf viel Geld, Zeit und Durchhaltevermögen, einen akademischen Titel zu erreichen.
Das Internet braucht keine Legitimation
Das Internet macht sich aber nichts aus Titeln, es will keine Zertifikate sehen und benötigt keine öffentliche Verteidigung einer Thesis, bevor man seinen Namen hineinsetzen darf. Und natürlich möchte man auch etwas darstellen, oder sich für ein tiefgreifendes Wissen in einem Online-Bereich auszeichnen lassen. Es klingt doch viel besser als „Soundso-Experte“ vorgestellt zu werden, immerhin hat man etwas zu sagen. Sehr selten findet man akademische Titel in diesen Bereichen, Prof. Joachim Niemeier (Enterprise20) und Prof. Mario Fischer (SEO) stellen eher die Ausnahme als die Regel dar und für mich liegt auf der Hand, warum das so ist. Das Internet ist in aller Gänze einfach zu jung, die Entwicklung hat die akademische Lehre und Forschung längst überholt, Theorien und Studien belegen erst im Nachhinein Effekte, die Ergebnisse stehen teilweise vor der Forschung. Auch die Menschen, die sich natürlich im Internet bewegen (Digital Natives) und als Experten gelten, sind meist einfach zu jung, um bereits den langen akademischen Weg gegangen zu sein.
Das Internet ist keine Wissenschaft
Die zweite Ursache liegt darin begründet, dass das Internet auf den ersten Blick komplex erscheint, in der Anwendung aber einfach banal ist. Meine fast 90-jährige Oma könnte einen Twitteraccount bedienen, wenn ich ihr das in aller Ruhe und Sorgfalt erkläre. Die Algorithmen der Suchmaschinen sind wohl komplex, aber um mich SEO-Experte zu nennen, reicht das regelmäßige Lesen von ein paar Blogs. Natürlich haben diese Experten viel Zeit investiert und einiges ausprobiert und es gibt sehr wohl genügend Forschungsbereiche in der Netzwelt, aber die Experten sind nun mal Experten in der Online-Nutzung, nicht Online-Forschung. Damit wir uns richtig verstehen, ich möchte keinem „Experten“ die Expertise absprechen, sondern ein Verständnis für die Problematik erzeugen.
Trennung von Anwendung und Forschung
An der derzeitigen Situation kann man wenig ändern. Es erscheint mir auch nicht zielführend mehr Juniorprofessoren zu fordern, nur um der Titel wegen. Nicht vergessen sollte man, dass auch ein akademischer Titel trügerisch sein kann, ich habe selbst schon Erfahrungen mit solchen Spezialfällen gemacht und jeder, der einmal an einer Uni oder Hochschule war, weiß, wovon ich rede. Lasst also die Experten weiter Experten sein und diesen „Titel“ eher mit einem Schmunzeln auf der Ebene der Anwendung als mit einer inhaltlichen Bedeutung sehen.
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